Quadlikollowitschki

22. Februar 2009

Heile, heile Gänsje

Filed under: Der tägliche Spaß,Isch glaab's net,Witzisch — drahtlos @ 21:22

Hilfe, isch bin en Meenzer! In Mainz geboren und das noch zur Fastnachtszeit. „Na, do habbe Sie jo immä was ze feiern“, wird dann zur Standardbegrüßung. Wenn ohnehin die Auskunft, aus Mainz zu sein, mit einem unvermeidlichen „…wie es singt und lacht…“ beantwortet wird. Der Mainzer an und für sich – stets närrisch und frohgelaunt. Helau! Eine Laune, die gleich mit der Geburt beginnt.

Mein Kinderbett stand damals an der Wand zur örtlichen Turnhalle, dort, wo in der Fastnachtszeit wochenlang geprobt und gefeiert wird. Ein kräftiges „Däffdääää“ ließ meine drei Geschwister und mich immer wieder aus den Federn fallen. Ein Zufall wollte es, dass der Raum unter unserer Flurtreppe einen Zugang unter die Bühne der Turnhalle barg. Wenn schon nicht schlafen, dann wenigstens kostenlos reinschauen.

Daheim drehten sich Ernst Negers „Humba Täterää“ und „Heile Gänsje“ auf dem Plattenteller. Im Kindergarten wetteiferten die Kleinen bereits um das beste Kostüm. „Ah so, de Babba is Mitglied im MCV. Na dann.“ Katzen, Hexen, Piraten, Räuber und Cowboys. Vor Hexen lief ich immer laut weinend davon. Tränen kullerten auch, als ein Schwarm Bonbons – geschleudert aus einem Rosenmontagsschiff – mal den Kinderwagen meines kleinen Brüderchens eindeckte. Uiuiui, auauau! Ansonsten waren die Narren mit den Süßigkeiten vor allem an den Stellen freigiebig, an denen die Fernsehkameras standen.

Rosenmontag war ja immer frei. Sowas wie der höchste Feiertag in Meenz. Aber das wollte verdient sein. Mit Büttenreden im Deutschunterricht zum Beispiel. Aber nicht nur einfach erfinden, dichten oder gar kopieren. Nein, die Rede musste stilecht vorgetragen werden: im Dialekt. Mir ist leider nicht in Erinnerung, dass auf diese Weise ein neuer Büttenstar entdeckt worden wäre.

„Ei haste gestern de Bonewitz im Fernseh gssehe?“ Solche Fragen machten gerne mal im Pausenhof die Runde. Und ob der Till jetzt als politisches Gegengewicht nicht zu weit gegangen war. Oder der gesamte Klassensaal stimmte jenes unvergessliche „Uiuiuiuiuiuiui, auauauauau“ an, das nicht mehr enden wollte. Auch erinnere ich mich eines Verweises vom Geschichtslehrer, als ich an einem 11.11. um 11 Uhr 11 unvermittelt im Unterricht aufstand und laut „Helau“ schrie.

Rosenmontag war Ausnahmezustand. Nicht nur, dass kaum ein Geschäft öffnete und die Kneipen drei Tage rund um die Uhr ausschenkten, aber dass plötzlich keine Anstandsregel mehr gelten sollte: Nein, es war partout nicht einzusehen, dass irgendein wildfremder Mensch meine Freundin abküsste. Wo kommen wir denn dahin? Manche Beziehung ging kaputt, andere entstanden erst. Ich erinnere mich an wankende Gestalten in später, durchzechter Nacht, an Mageninhalte an Ecken und Hauswänden, an Stöhngeräusche in Hinterhöfen und sich windende Pärchen direkt vor meinem Hauseingang.

Aber am Aschermittwoch ist ja alles vorbei. Katerstimmung. „Un aach des werd widdä gut. Heile, heile Gänsje…“

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