Quadlikollowitschki

7. Januar 2007

Braunau am Inn

Filed under: Dies und das,Ernstes,Isch glaab's net — drahtlos @ 17:23

«Mit diesem Namen verbinde ich nichts Positives», hatte Michael am Telefon gesagt. Soeben hatte ich ihm mitgeteilt: «Ich stehe gerade auf dem Stadtplatz in Braunau am Inn.»
Ja, sie haben’s nicht leicht, die Braunauer. Das schmucke Städtchen im oberösterreichischen Innviertel ist bekannt. «…wegen der Tatsache, dass am 20. April 1889 Adolf Hitler in dieser Stadt geboren worden ist», wie die Braunauer auf ihrer Homepage selbst mitteilen.

Braunau und Hitler – für einige mag schon diese bildhafte Verbindung genügen. Da nützt auch der Hinweis wenig, dass einer der schlimmsten Unmenschen, den diese Welt je ertragen musste, nur bis zum Alter von drei Jahren in Braunau gelebt hat. Heute erinnert ein Mahnmal vor Hitlers Geburtshaus (Foto) an die Schrecken des Faschismus. Mehr aber nicht. Zumindest dort in der Salzburger Vorstadt (Name der Straße) Nummer 15. Nicht mal ein Schild am Haus selbst erinnert daran, so dass mich ein deutscher Tourist beim Fotografieren des Mahnmals gleich danach fragte. Leise flüsternd. So als ob man in falschen Verdacht geraten könnte…

Im kostenlosen Stadtführer gibt es einen deutlichen Hinweis auf das Geburtshaus. Die Braunauer wollen auch Zeichen setzen, heißt es im Internet. Es gehe darum, «dem Klischee, Braunau sei eine ‚braune Stadt‘ zumindest gewesen, entgegen zu treten.» Und sicher schadet dieses Vorurteil auch dem Tourismus (dabei macht die Stadt einen netten und hübschen Eindruck).

Das Mahnmal selbst wurde aber erst 100 Jahre nach Hitlers Geburt in Braunau aufgestellt. Hier nachzulesen. Warum so spät, mag man fragen? Auf der Braunauer Homepage gibt es dazu Hinweise. Auch auf das Fehlen einer Hinweistafel. Der Mahnstein selbst stammt übrigens aus dem Steinbruch des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen.

Wie auch immer – die Braunauer reagierten nach außen hin recht spät auf ihr schweres Erbe: Am 8. August 2006 wurde der Park des Krankenhauses mit dem Namen des prominenten Kriegsdienstverweigerers Franz Jägerstätter umbenannt. Und im selben Jahr verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig so genannte Stolpersteine für die NS-Opfer Franz Amberger, Michael Nimmerfahl, Anna Sax und Adolf Wenger.

Wünschen könnte man sich für Braunau eine Begegnungsstätte nach dem Vorbild ehemaliger Konzentrationslager. Ein Konzept dafür scheint es zu geben, nur ist bislang nichts daraus geworden. Gerade solch eine Stätte hatte ich bei meinem Besuch Braunaus eigentlich erwartet. Und den Mahnstein gefunden – ohne einen Hinweis auf den Verursacher all dieses Schreckens…

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5 Kommentare »

  1. Es ist in der Tat nur ein geografischer Zufall, der Braunau zum Hitler-Geburtsort machte. Aber einer mit immenser symbolischer Aufladung, die Du gut beschreibst.

    Braunau ist sicher gut beraten, sein Profil als Ort der Begegnung zu schärfen. Lobenswert finde ich übrigens, dass die Stadt nie versucht hat, ihren Hitler-Bezug touristisch zu vermarkten. Denn auch dafür gibt’s traurige Beispiele. Wie der Obersalzberg in Berchtesgaden, wo – wenigstens noch vor wenigen Jahren – in Broschüren ein zum Hundefreund verklärter Hitler präsentiert wurde. Oder die italienische Geburtsstadt Mussolinis, wo man T-Shirts und andere Souvenirs vom „Duce“ kaufen kann…

    Kommentar von Michael — 8. Januar 2007 @ 06:55 | Antwort

  2. Braunau hat etwas, was andere nicht haben:

    Zur Aufarbeitung und Diskussion der jüngeren Geschichte und der Gegenwartsströmungen gibt es jährlich die „Braunauer Zeitgeschichte-Tage“ (heuer von 27.-29.6. mit Schwerpunkt Fußball, z.B. das Thema „Rassismus auf dem Rasen“).
    http://www.hrb.at/bzt/
    Außerdem ist es in Braunau gelungen, einen vorbildlichen Lagerplatz für Roma und Sinti zu errichten.
    Die Braunauer haben also schon ein Gespür dafür, was sie dem „geografischen Zufall“ schuldig sind. Ich würde mir wünschen, dass andere vergleichbare Städte eine ähnliche Sensibilität für ihr historisches Erbe entwickeln würden.

    Kommentar von Der Moritz — 30. Januar 2008 @ 08:47 | Antwort

  3. Wirklich ein super Beitrag. Ich werde drahtlos.wordpress.com mal mehr lesen 🙂

    Kommentar von Lena — 3. Juli 2011 @ 02:26 | Antwort

  4. Braunau ist überhaupt nichts schuldig und hat im Grunde auch keinerlei Grund, irgendetwas aufzuarbeiten. Braunau kann nix dafür, dass Hitler dort geboren wurde, irgendwo musste er ja schließlich geboren worden sein. Zumal Hitler da nur ein paar Jährchen lebte. Und selbst wenn er dort sein Leben lang lebte – wichtig ist nicht die Stadt sondern was er selbst tat! Braunau hat überhaupt keinen Grund, IRGENDETWAS aufzuarbeiten.

    Wenn ich nun zu einem Massenmörder werde, muss mein Geburtsort, Langenhorn, dann sofort Gedenksteine anbringen, Aktionen starten und auf der Homepage über Rassismus reden?! Nein. Diese Doppelmoral im deutschsprachigen Raum, diese Volksschuld, dieses Tätergehabe, das ist einfach nur noch nervig.

    Napoléon hat (gemessen an der Zahl der damals lebenden Menschen) prozentual nicht viel weniger Menschen auf dem Gewissen als Hitler, aber Ajaccio muss sich für NICHTS entschuldigen. Und das ist auch vollkommen korrekt so, denn Ajaccio kann nichts dafür, wo Napoléon geboren wurde, genau wie Braunau am Inn nichts dafür kann, dass Hitler doch geboren wurde.

    Kommentar von P. G. — 22. November 2013 @ 15:16 | Antwort

  5. knowing it

    Braunau am Inn | Quadlikollowitschki

    Trackback von knowing it — 14. Januar 2015 @ 00:59 | Antwort


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